Fragen an Brachland, Koboldskram und Tokl (11/2013)

Alle Rechte an diesem Interview liegen bei Andreas Dölling [AD] und den Befragten.

Quatsch-Stunt bei einer Lesung

Vorbemerkung

In dieser fanzine-index.de-Fragestunde soll es einmal um ein nicht mehr erscheinendes Magazin gehen. „Blut im Stuhl – aber zum Arzt geh ich nicht …“ war ein Fanzine für Comics und Kurztexte mit starkem Hang zum Absurden und Grotesken. Das Heft erschien zehn Jahre lang zwei- bis dreimal im Jahr und wurde kostenlos verteilt. Heute beantworten die drei Mitgründer und Stammzeichner/-autoren Brachland [BL], Koboldskram [KK] und Tokl [T] Fragen zum BiS-Magazin.

Das Interview

AD: Ihr werdet die Frage erwartet haben, und ihr werdet sie vermutlich nicht zum ersten Mal beantworten, aber sie drängt sich nun mal auf: was zum Teufel hat es mit dem Namen eures Fanzines auf sich?! Hat der einen tieferen Sinn? Steckt da ein Insider-Gag dahinter?

BL: Wie ich es in Erinnerung hab, saßen die anderen in der Mescheder Kneipe „Tröte“ und haben über einen Namen nachgedacht. Als ich dazu kam, war ich schon ganz schön angeschlagen und hab andauernd irgendwelche Vorschläge gemacht. Dieser war wohl davon inspiriert, dass ich gerade Zivi in einer Krebsklinik war. Na ja, seitdem hieß unser Magazin so.

KK: Schön gesagt, lieber Brachland.

T: Bei der Namensgebung wusste ich mit Abwesenheit zu glänzen, daher möchte ich mir die Unterstellung verbitten, in einer Kneipe abgehangen zu haben. Nein, eben an diesem Abend nicht. Ich bin somit völlig schuldlos an der Titulierung des feinen Machwerks. Genaugenommen hab ich auch nicht die leiseste Ahnung, was die sich dabei gedacht haben.

AD: Was sagt ihr Leuten, die einwenden, dass der Name wenig witzig auf Menschen wirkt, die tatsächlich gesundheitliche Probleme haben? Blut im Stuhl ist ja ein Symptom für Darmkrebs.

BL: Die haben wohl recht. Andererseits: die wissen es doch sowieso. Wir haben uns eben mit Anfang 20 unzerstörbar gefühlt. Und das sind wir schließlich auch geblieben.

KK: Fein gesprochen, liebstes Brachland.

T: Wir senden denen dann unsere Gesamtausgabe, sofern die noch vorhanden ist. Dann können die den Inhalt prüfen und sich rechtliche Schritte vorbehalten. So geschehen bei einem – vermutlich übereifrigen – Mediziner. Wahrscheinlich wollte der nur die Gesamtausgabe schnorren. Er hatte wohl nicht verstanden, dass die ohnehin umsonst ist.

  • Zeichung von Brachland
  • Zeichung von Koboldskram
  • Zeichung von Tokl

AD: Wo wir gerade von Namen sprechen: in der Beschreibung eures Zines heißt es: „Blut im Stuhl […] stellte bis zum Schluss durch die Verwendung von Pseudonymen den einzelnen Künstler hinter die Gruppe.“ – Man könnte einwenden, das sei eine Ausrede und ihr hättet in Wirklichkeit Bedenken gehabt, eure Beiträge unter euren echten Namen zu veröffentlichen. Und: wie seid ihr denn auf eure Pseudonyme gekommen?

BL: Ich finde die Pseudonyme immer noch total geil. Das hat mir von Anfang an Spaß gemacht, aus allem Scheiße zu machen. Ich habe da nicht weiter drüber nachgedacht. Hauptsache, es gibt etwas zu lachen. Da ich ein romantischer Schwärmer war, habe ich einfach den Namen des romantischen Dichters Novalis übersetzt.

KK: Gut mitgeteilt, liebevoller Brachland. Mein Name entspringt auch dem unerschöpflichen Quatschfundus des Herrn Brachland, und ich benutze ihn selbst auch heute noch, abseits des BiS-Magazins, zur Abwicklung diverser Bankgeschäfte und bei Besuchen meiner adoptierten Eltern.

T: Den richtigen Namen zu verwenden, war für das Layout einfach zu schwierig, Pseudonyme waren einfach kürzer. So blieb viel mehr Platz für Inhalte, den wir dann auch nicht ausfüllten. Zur Findung meines Pseudonyms hatte die Kreativabteilung Monate zu knacken, bis ein solch Perfektes herausgekommen war. Ist mir immer noch ein Rätsel, wie die darauf gekommen sind. Ich schließe heute tatsächlich noch Geschäfte mit dem Pseudonym ab.

AD: Was war eurer Ansicht nach das Besondere an „Blut im Stuhl“?

BL: Dass es total albern war und dass alles möglich war, es gab keine geschmacklichen und moralischen Einschränkungen. Und wenn doch mal einer Bedenken hatte, wurde das besprochen, denn was soll denn so eine Moral-Zensur? Es war eine wunderbare Spielwiese. Und daher mache ich heute noch gerne Quatsch-Comics.

KK: Hervorragend beschrieben, außerordentlicher Brachland. BiS war ein gutes anarchistisches Ventil, um den repressiven konservativen und schwarz-katholischen Strukturen unserer sauerländischen Heimat zu entfliehen oder ihnen etwas entgegenzusetzen. Ich glaube auch, dass wir das Fanzine mit dem überdrehtesten und kaputtesten Humor in ganz Deutschland waren … schlimmer noch als Peter Alexander. Und neben diesen Lachflashern existierten in friedlicher Koexistenz unglaublich düstere, nahezu depressive Texte, Bilder und Comics … das fand ich schon sehr reizvoll und sehr besonders, diesen grenzensprengenden künstlerischen Eifer. Allein beim Gedanken daran überkommt mich ein Gefühl äußerster Wolllust, wie ich sie seit meiner Zeit als Meßdiener nicht mehr gespürt habe. Fuck …

T: Ein Sammelsurium an unterschiedlichsten Leuten, einige mir persönlich nicht einmal bekannt, und Ideen. Jeder durfte, was er konnte oder auch nicht konnte, außer Lyrik.

AD: Was hat euch 1994 dazu bewegt, ein eigenes Magazin ins Leben zu rufen? Ihr hattet ja jetzt nicht die Begeisterung für einen Fußballverein oder eine Musikrichtung als gemeinsames Interesse und als Antrieb.

BL: Vor allem die guten Erfahrungen, die wir mit kleinen Zettel- und Tischcomics in der Schule gemacht haben. Wir kommen ja praktisch aus zwei Jahrgängen unserer Schule, und da wussten wir schon, mit wem man die vergnüglichsten Stunden verbringen kann. Und dann war ja bei dem einen 91, bei dem anderen 92 und bei mir 93 die Schule aus, und auf der Arbeit kann man ja nicht mehr so viel Scheiße machen, da man da ja für Geld rumhängen muss. Deshalb war das Fanzine dringend notwendig.

KK: Treffend erklärt, feinster Brachi! Ich verweise desweiteren auf mein antwortendes Geschriebsel auf die Frage zuvor.

T: Jeder hatte wohl ein paar Pamphlete oder Zeichnungen in der Lade liegen, eigentlich zu schade, um dort zu vergammeln. Warum diesen nicht veröffentlichen?

Quatsch-Foto: Tatort Stutenkerl

AD: In der Beschreibung des BiS-Magazins ist zu lesen, dass es zu eurem Heft positive Besprechungen in großen Blättern wie der „Titanic“, der „Zitty“ und der „coolibri“ gab. Woran lag es eurer Meinung nach, dass BiS trotzdem nie den „Durchbruch“ geschafft hat. Es gibt ja andere Fanzines, die irgendwann den Schritt hin zur Professionalität gemacht haben und zumindest zeitweise durchaus zu den etablierten Medien gerechnet werden konnten bzw. können (z.B. „Ox“ und „Plastic Bomb“ oder, thematisch näher an BiS, „Luke & Trooke“).

BL: War das denn ein Ziel? Ich hab mir schon vor Freude in die Hose gemacht, wenn wir mal irgendwo besprochen wurden und auch wenn ein neues Heft rauskam. Wenn uns jemand entdeckt hätte, gerne, aber muss nicht sein.
Ich hab jetzt ein paar Jahre nur ganz wenig gezeichnet, da haben mir ein paar Leute gesagt, ich solle doch einen Facebook-Auftritt mit Comics machen. Ich hatte mich bis dahin gar nicht für Facebook interessiert, finde es aber doch inspirierend, nicht nur für die Schublade zu zeichnen, wie ich es nach dem Ende von BiS gemacht habe. Ich bin halt nicht so PC-, internetaffin.
Also, dass wir keinen Durchbruch geschafft haben, ist schon o.k. Ich denke gerne an unser Fanzine zurück, ich hätte gerne auch noch mal eine vollständige Sammlung.

KK: Schön geantwortet, erhebungswürdiger Bratschi! Es lag aber ganz simpel an einer üblen charakterlichen Komponente unsererseits: wir sind total unkommerzielle, idealistische, antikapitalistische Losertypen.

T: Ich glaube, es scheiterte an der Art der Verteilung und der eher geringen Auflage des Magazins. Weiterhin an unserm unsagbaren Eifer, welcher den von Koboldskram angesagten Losertypen anhängt. Dazu noch die schier fassbare Angst davor, dass uns für den Scheiß keiner Geld geben würde. Vermutlich total unbegründet.

AD: Die BiS-Hefte wurden stets kostenlos verteilt. Da die Kosten sich auf die vier, fünf Gründer verteilten, war das bei einer Auflage von 300, 400 Exemplaren finanziell gut machbar. – Allerdings lässt sich einwenden, dass das kostenlose Verteilen so eines Fanzines Kunst und schöpferische Leistung entwertet und das „Geiz ist geil“-Denken beim Publikum fördert. Diese Diskussion tobt ja auch seit Jahren im Musik-Bereich – die einen beklagen den Kostenlos-Anspruch der Konsumenten; die anderen sagen, die Künstler und Verlage müssten sich einfach andere Einnahmequellen erschließen. Wie seht ihr das?

BL: Ich war jedes Mal total stolz auf unser Heft und hab nie an das Geld gedacht. Hauptsache, das Heft ist gut und es gibt endlich eine neue Ausgabe. Die schöpferische Leistung hat das keinesfalls entwertet. Das tut es jetzt auch nicht bei der Musik. Meine Kumpels, die Musiker sind, müssen alle ihr Geld verdienen. Und diese Stars, solche jungen Bubis wie Justin Bieber könnten ja wohl auch arbeiten gehen. Würd dem wohl auch ganz gut tun.
Eine kreative Aufgabe besteht ja auch wirklich darin, Einnahmequellen zu erschließen, wenn man davon leben will. Ich interessiere mich nicht für Geld, weil ich ein glücklicher Mensch bin.

KK: Scharfsinnig seziert, verallerehrtester Brauchi! Ich verweise wiederum auf mein Geschriebsel auf die Frage zuvor.

T: Wenn man damit hätte seinen Lebensunterhalt hätte betreiben können, schön. War das aber jemals wirklich das Ziel – hatten wir überhaupt eins? Wieviel hätte denn ein Heft kosten sollen, bei 300-400 Stück, zweimal im Jahr und 5 Mäuler zu stopfen?

  • Foto: Macher – Kleider machen Leute
  • Foto: Macher – Gute Planung
  • Foto: Macher – Wirtschaft ankurbeln

AD: Warum wurde das BiS-Magazin 2008 eingestellt?

BL: Die Luft war raus, und man sollte nicht zu lange an Sachen hängen, die irgendwie nicht mehr so sind, wie sie waren, als wir mit dem ganzen Herzen dafür einstanden. Das haben wir irgendwann eingesehen. Der BiS-„Chefredakteur“ hat dann ja auch richtigerweise den Schlussstrich gezogen. Obwohl es natürlich sehr traurig war.

KK: Nice getalkt, lovely Bratschy! Ich persönlich hatte meinen Bereich – textlich wie bildlich – komplett abgegrast und keine weiterführenden Ideen mehr gehabt, die dem Medium gerecht wurden. Habe dann beschlossen Musik zu machen. Läuft …

T: Die Abstände zwischen den Ausgaben wurden immer größer. Es lief einfach immer schleppender, ein Heft fertig zu stellen. Mir war es einfach zuviel Arbeit, im Layout ständig wieder das Erscheinungsdatum zu ändern, ich hab’s nicht mehr geschafft. Burn-out! Die letzte Ausgabe, die 32 wäre es, glaube ich, geworden, war zwar halbwegs eingetütet, ist aber nie wirklich fertig geworden.

AD: Welche Bedeutung hatten für euch die Live-Auftritte? Gab es viele davon? Wie lief das ab? Und wie schwer oder leicht ist es, die oft sehr kryptischen Inhalte eines Magazins wie „Blut im Stuhl“ einem Live-Publikum zu präsentieren (und überhaupt Leute an den Start zu bringen)? Was hat funktioniert und was eher weniger?

BL: Ich war ja nur einmal live auf der Bühne dabei. Ich fühlte mich einfach zu schüchtern. Schade eigentlich. Der Enthusiasmus von der anderen fehlte mir einfach. Find ich schade, ist aber wohl so. Aber beim nächsten Mal bin ich bestimmt dabei. (Hab ich damals auch immer gesagt.)

KK: Präzise ausgeführt, pointiertester Brauchlamm. Ich fand die Lesungen und Spontan-Happenings immer super. Darunter das tolle, eine Stunde vor der Lesung in Dresden aus dem Boden gestampfte Theaterstück über den Luxusliner „Archille Lauro“, welches die Leute zuerst kopfschüttlend, dann mit zunehmner Fortdauer und der quälenden Redundanz des Stückes aber mit Begeisterung aufgenommen haben. Oder Fromps Performances, u.a. zu seinem Text „Talz der Hornfrosch“ … genial! Und Ellie und Christophs „auf-dem-Boden-in-mit-Kuscheltieren-vollgenähten-Kostümen-blödsinnig-rumrollen“-Aktion zu dem düster-kaputten Live-Sound meiner damaligen Band Transpiranha … herrlich!!!

T: Ich war nur der „Reinschmeißer“, der die Leute bei den Auftritten davon abhielt, die Veranstaltung zu verlassen. Anscheinend war es wirklich schwierig, unsere Inhalte zu präsentieren, denn ich hatte eine Menge zu tun.
\r\n Funktioniert hat natürlich bei all unseren Auftritten alles. Schwierigkeiten gab es niemals. Ich erinnere nur an den ersten Live-Auftritt in Wien. Beginnend mit der Routenplanung („In Marburg links ab“) und fortgesetzt mit dem Wagenschlüssel im abgeschlossenen Auto im Zentrum Wiens, uneinsichtigen Trommlern, die nur zu laut spielen wollten – alles bestens. Nur zu kalt war’s.

  • Foto: Quatsch-Stunt bei einer Lesung
  • Foto: Lesung unter dem Motto „Polarexpedition“
  • Foto: Theaterstück

AD: Das BiS-Magazin hatte im Vergleich zu anderen Zines einen eher geschlossenen Autorenkreis und schien auch sonst nicht besonders stark in der „Szene“ verankert (beispielsweise gab es nur zweimal in 31 Heften Kurz-Rezensionen zu anderen Zines, es gab keine Leserbriefe, keine Stellungnahmen zu aktuellen und szenebezogenen Themen). War das eine bewusste Enthaltung? Oder hat man euch einfach nur wegen des ekligen Namens gemieden? ;)

BL: Weder bewusste Enthaltung noch wurden wir gemieden. Unser „Chefredakteur“ hat den Kontakt zu anderen Fanzines ja sehr gepflegt. Ich nicht, warum weiß ich auch nicht. Obwohl ich gut mit der Herausgeberin des „Hüftschwung“ befreundet bin und zwei Mal in ihrem Heft auftreten durfte. Da bin ich auch stolz wie Oskar drauf.

KK: Perfekt kommuniziert, durchlauchtester Brahmi! Ich war auch lediglich Ablieferer … wenn hier jemand so richtig in Schuld ist, dann der „Chefredakteur“!

T: Natürlich hatten wir Leserbriefe, selbst der Vatikan hat geschrieben. Herr Chefredakteur, haben Sie mir was zu sagen, sollten die Briefe etwa nicht echt gewesen sein?

AD: Seid ihr heute noch künstlerisch und/oder publizistisch aktiv?

BL: Ich bin ein in meinem Freundeskreis bekannter Narr und stelle meine Comics bei Facebook rein.

KK: Filigranst wortgewitzelt, ergötzlicher Borchi! Ich mache auch Quatsch auf FB und bin mit dem Herzen ansonsten ganz dem Musikerdasein verschrieben (Sinew).

T: Ich zeichne noch ein wenig, sehr wenig. Anschließend kommen die Bilder an die Wand, an die eigene, korrigiere: die gemietete. Wenn das mal nicht Publizieren ist.

AD: Was wären, wenn ihr heute wieder ein Magazin gründen würdet, eure Themen, eure Inhalte, eure Haltung? Was wäre anders als bei „Blut im Stuhl“?

BL: So, wie es war, war es genau richtig. Ich glaube, heute findet alles eher im Internet statt. Warum soll man etwas kopieren und ausdrucken, wenn man den Quatsch auch direkt da reinstellen kann? Doch ich mag Bücher, Comichefte, CDs und Platten sehr. Da hat man was. Ich würde gerne mal wieder ein Comicheft oder Comicbuch machen. Aber ich bin ja noch klein.

KK: Herzerwärmend geplappert, plapperhafter Brömi! Ich hätte da kein Bock mehr zu. Allein schon wegen der Orga und einem gewissen Termindruck. Ich mach das lieber spontan, wie’s gerade kommt, und eben im Netz.

T: Vielleicht ein bisschen mit aktuellerem Bezug zu „brennenden“ Themen, nen Tick zynischer könnte vielleicht auch nicht schaden. Dies wiederum würde eine geregeltere Erscheinungsweise fordern, das ermattet wiederum – ach, lassen wir es doch, wie es ist.

AD: Danke, dass ihr euch die Zeit für dieses Interview genommen habt! Möchtet ihr zum Schluss noch etwas loswerden?

BL: Ich möchte gerne eine Komplettsammlung aller „Blut im Stuhl“-Ausgaben haben, digital oder in echt. Gibt es so etwas noch? Und ein Blut-im-Stuhl-Buch fände ich toll. Das sollten wir mal machen.

KK: Herrlich!

T: Heinrich?