Fanzine-Profil: Das Dosierte Leben

Genre:

Kunst, Dadaismus, Philosophie, Lyrik

Zuerst erschienen:

1996

Anzahl erschienener Ausgaben:

130

Beschreibung des Zines

Außer dem „Kosmischen Penis“ hat mich kein anderes Fanzine so lange begleitet wie „Das Dosierte Leben“ aus Mannheim. Es ist ein Blatt, das sich nicht so leicht beschreiben lässt und in der langen Zeit seines Bestehens immer wieder sein Kleid gewechselt hat. Es gab sogar eine Ausgabe in Form einer bedruckten Getränkedose (in den knalligen Farben des Albums „Never Mind the Bollocks“ der „Sex Pistols”). Ein recht antikes und daher verwaschenes Foto dieser Dosen-Ausgabe ist im Interview mit dem Herausgeber Jochen König zu sehen. Aber auch die übrigen Ausgaben haben so ungefähr alles durchgespielt, was an Formaten, Bindungen und Gestaltung denkbar ist.

Beliebig ist das „Dosierte Leben“ aber keineswegs. Ganz im Gegenteil: seit Jahr und Tag durchzieht die Publikationen des Herausgebers und seiner Mitstreiter eine ganz klar erkennbare Linie. Dieses Magazin und alle Aktivitäten darum herum sind ein Loblied auf das Schaffen selbst, auf das Spielerische und Zweckfreie. Auf die Verbindung des nur scheinbar Widersprüchlichen: des Schnipsel-Layouts mit sprachlicher Finesse, des inhaltlich Bunten und Freien mit strengen Vorgaben, des Improvisierten mit Eleganz und Liebe zum Edlen.

Die Klammer um all das ist die von Herausgeber Jochen eigens ausgerufene und über die Jahre ausgearbeitete und verfeinerte Philosophie des Dosismus, die aus ihrer Nähe und Zuneigung zum Dadaismus kein Geheimnis macht.

Das „Dosierte Leben“ ist nicht immer leicht zugänglich. Mir selbst haben nicht wenige Ausgaben nicht so besonders zugesagt – für einen Banausen wie mich zuviel Lyrik, zuviele Wortspielereien wie das Bilden von möglichst vielen Anagrammen aus einem Satz, zuviel Experimentelles und geradezu provozierend Sinnfreies und Platzverschwenderisches wie zwei nur mit den Silben „Dada“ bedruckte Seiten und ähnliches. Immer aber hatte ich Hochachtung vor der Konsequenz, mit der Jochen seine ganz eigene Ecke im großen Garten der Fanzine-Flora bestellt und es dort wild wuchern lässt.

Eine große Rolle spielt beim „Dosierten Leben“ der ständige Kontakt zur Leserschaft und vor allem das Animieren der Leser mitzumachen. Es gab zahlreiche Themenausgaben, zu denen Jochen jeweils zig Menschen ganz persönlich per Briefpost (ja, man schätzt beim „Dosierten Leben“ das Nicht-Digitale) eingeladen hat, einen Beitrag beizusteuern. Und er hat immer genügend Bilder, Texte, Gedichte und freie Arbeiten zugeschickt bekommen. Er ist aber eben auch sehr zäh und lässt auch nach zig Körben nicht locker.

Diese Zähigkeit bewiesen Jochen und seine Mitstreiter auch bei Aktionen wie etwa der Kampagne für die Aufnahme des Wortes Presser in den Duden. Oder beim unnachgiebigen Nachbohren bei den Feuilleton-Redaktionen großer Zeitungen und Radiosender, warum denn dort Kleinstpublikationen so beharrlich ignoriert werden. Das „Dosierte Leben“ und seine Macher beschränkten sich nie auf den Rahmen des gedruckten Magazins, sondern hatten immer den Drang, in die Welt hinauszuwirken.

Nicht jeder wird mit diesem Blatt warm werden. Es gibt sicher unterhaltsamere Fanzines und Magazine. Aber egal, was man von ihm hält: es ist schön, dass es „Das Dosierte Leben“ und den so eigenartigen Mikrokosmos darum herum gibt!

  • Foto: „Das Dosierte Leben“ im steten Wandel.
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  • Foto: Auch bei der Heftung wurde alles Mögliche ausprobiert.
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