Fanzine-Profil: Der Kosmische Penis

Genre:

Musik, Szene, Quatsch, Regionales

Zuerst erschienen:

02/1987

Letzte Auflage:

220

Beschreibung des Zines

Der „Kosmische Penis“ ist wie guter Rock’n’Roll – er ist nicht kompliziert, er macht gute Laune und er altert extrem gut.

Es ist gut möglich, ja, sogar sehr wahrscheinlich, dass der „Kosmische Penis“ das zweitälteste noch erscheinende Fanzine in Deutschland ist. (Den ersten Platz hält unanfechtbar das Comic-Zine „PLOP“). Was Fleiß, Ausdauer und Konstanz der Herausgeber angeht, dürften die Macher des „Penis“ allerdings in der deutschen Fanzine-Geschichte nicht ihresgleichen finden. Zuletzt erschien bereits die Ausgabe #95, und für Weihnachten 2018 ist das 100. Heft angekündigt, das dann laut Herausgeber Dr. Trambahn mit einer angemessenen Party gefeiert werden soll.

Wie eingangs schon gesagt ist es nicht ein besonders ausgefallenes Konzept, was den „Kosmischen Penis“ auszeichnet. Er ist nicht besonders abgefahren, nicht wahnsinnig subversiv, nicht ausgesprochen experimentell. Wenn man die neue Ausgabe aus dem Briefkasten angelt oder beim Verkäufer seines Vertrauens erwirbt, dann kann man heute wie vor zehn Jahren ziemlich sicher sein, was einen im Heft erwartet. Einige Rubriken laufen schon seit den ersten Ausgaben. Vor allem die von allen gleichermaßen geliebte, gefürchtete und gehasste Klatschkolumne „Küsse und Schlüsse“, in der man erfährt, wer in der erweiterten Leserschaft gerade mit wem schnackselt, wo sich Beziehungskrisen ankündigen, wo es Nachwuchs gibt, wer sich als schwul oder lesbisch oder sonstwas geoutet hat, wer besonders exzessiv gefeiert hat und so weiter.

Auch sonst wartet die Redaktion mit ganz grundsoliden, wenig aufregenden, aber guten Standardrubriken eines Musik- und Szene-Magazins auf: es gibt Besprechungen von Alben und anderen Fanzines. Es gibt Konzertberichte. Es gibt Interviews mit Musikern. Eine Besonderheit zeichnet den „Penis“ aber bereits hier dann doch aus, nämlich eine ganz unironische Heimatverbundenheit, die sich in einem besonderen Interesse für Bands und Veranstaltungen aus der Region Schweinfurt und Unterfranken äußert. Der „Kosmische Penis“ ist im Umfeld des Kulturzentrums Stattbahnhof in Schweinfurt entstanden und damit fest in der lokalen „Szene“ verankert. Und das, ohne altbacken oder provinziell zu sein. In den 90er-Jahren hat es das kleine Heftchen sogar zweimal in die Humorkritik der „Titanic“ geschafft. Eine ganze Reihe großer Musikstars posierte im Laufe der Jahre schon mit der jeweils aktuellen „Penis“-Ausgabe für ein Foto. Und überdies erstreckt sich das Netzwerk der Redaktion längst über das ganze Bundesgebiet und darüber hinaus, nicht zuletzt weil die Unterfranken ein reiselustiges und umzugsfreudiges Völkchen zu sein scheinen. Nein, provinziell sind sie nicht.

Das Schräge findet sich im „Penis“ sehr wohl, beispielsweise in Form von Kurzgeschichten, Cartoons oder ausgefallenen Aktionen – allerdings eben nie reißerisch und brustschlagend, sondern stets in trautem Einklang und eng verwoben mit dem Einfachen und Geradlinigen. Und genau das macht vermutlich den Reiz dieses Heftes aus. Das und ein anscheinend unerschöpfliches Archiv an Fotos und Zeitungsschnipseln, wunderbar seltsamen Fundstücken, manchmal geradezu bizarr und natürlich in schöner Regelmäßigkeit gliedbezogenen.

Ähnlich wie beim „Dosierten Leben“ begnügt sich die Redaktion des „Penis“ nicht mit dem Wirken als Autoren, Reporter und Herausgeber, sondern ist schon seit den Anfangstagen regelmäßig im wirklichen Leben aktiv. Vor allem als Erfinder und Veranstalter des „Grand Prix de la chanson de Penivision“, der alljährlich im Stattbahnhof abgehalten wird. Hier kann jeder aus der Region auftreten, der irgendein Lied hat, das er vortragen kann. Egal, welcher Musikrichtung, egal, wie professionell oder dilettantisch. Es muss nur ein selbstgemachtes Lied sein. Dieser Singwettstreit (bei dem es als Trophäe natürlich jedes Jahr einen liebevoll modellierten Penis gibt) ist schon lange kein Geheimtipp mehr, sondern erfreut sich allergrößter Beliebtheit. Auch in diesem Jahr, 2017, fand der „Grand Prix“ am 20. Mai wieder statt, wie der Website des Stattbahnhofs zu entnehmen ist.

Ach, eigentlich war mit dem ersten Satz schon alles gesagt: Der „Kosmische Penis“ ist wie guter Rock’n’Roll – er ist nicht kompliziert, er macht gute Laune und er altert extrem gut.

  • Foto: Er altert gut – „Penis“-Ausgaben von 1991 und 2000
  • Foto: „Küsse und Schlüsse“, Dauerrubrik und ewiger Quotenhit
  • Foto: Die Wertungen bei den Rezensionen werden nicht durch schnöde Zahlen oder Sterne ausgedrückt, sondern in den Erektionsgraden des … Penis
  • Foto: Fotos vom „Grand Prix de Penivison“ anno 2005